Aktueller Hinweis zur Abfallentsorgung
Die Stadtreinigung Hamburg kann aufgrund der Wetterverhältnisse derzeit nicht alle Straßen mit ihren Müllfahrzeugen befahren. Es kann dazu...
Als die Reporter etwas ratlos vor dem Hochhaus mit der riesigen Klingelanlage am Dahlgrünring in Kirchdorf-Süd stehen, eilt ein freundlicher Mann in einer Uniform mit dem Schriftzug „CHANCE“ herbei: „Kann ich helfen?“ Sven Krauth findet das Namensschild der Mieterin sofort. Dann hilft er dabei die Fotoausrüstung zum Aufzug zu tragen.
Wer wissen will, warum sich das Quartier im Süden des Hamburger Stadtteils Wilhelmsburg zu einem Vorbild für Hochhaussiedlungen entwickelt hat, findet in Sven Krauths Büro im Erdgeschoss eine erste Antwort. Wie seine 180 Kolleginnen und Kollegen an 75 Standorten der SAGA kümmert er sich als Hausbetreuer um Sauberkeit und Sicherheit im Quartier. Und sorgt nebenbei mit dafür, dass das soziale Miteinander so gut funktioniert. Ein Bewohner, der gerade den Müll rausbringen will, umarmt ihn und sagt: „Sven macht so einen guten Job für uns.“ Angestellt ist Sven Krauth bei der Gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaft CHANCE, einer Tochtergesellschaft der SAGA.
Willkommen in Kirchdorf-Süd. Einem Quartier mit mehr als 6.000 Bewohnerinnen und Bewohnern in rund 2.300 Wohnungen. 1.311 von ihnen gehören der SAGA, die anderen mehreren Genossenschaften. Erbaut wurde die Siedlung von 1974 bis 1976 zwischen der Otto-Brenner-Straße im Westen und der Autobahn A1 im Osten. Wenige hundert Meter entfernt liegt die Autobahnraststätte Hamburg-Stillhorn. SAGA-Mieterinnen und Mieter wohnen hier im Schnitt für 5,21 Euro netto-kalt je Quadratmeter, nicht nur für Hamburger Verhältnisse sehr günstig. Erst recht angesichts der Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr. Mit der HVV-Linie 13 erreicht man in sechs Minuten den S-Bahnhof Wilhelmsburg. Und von dort sind es nur zehn Minuten bis zum Hauptbahnhof.
Während auf dem Marktplatz Bühne und Stände für die 50-Jahr-Feier aufgebaut werden, treffen wir Renate Pietrzyk in ihrer Wohnung im elften Stock. Die 83-Jährige zählte mit ihrem Mann und ihrem Sohn zu den ersten Mietern des Quartiers. Ihr Mann ist verstorben, der Sohn längst ausgezogen, also lebt sie nun allein in der Drei-Zimmer-Wohnung.
„Als wir uns um die Wohnung beworben haben, wollte ich unbedingt möglichst weit nach oben“, sagt die Rentnerin. Wie berechtigt ihr Wunsch war, zeigen die spektakulären Ausblicke von den beiden Balkonen. Zu sehen ist natürlich die Autobahn, auf der sich gerade der Verkehr staut, die HafenCity – und unverhofft viel Grün an der Süderelbe.
Den Einzug habe sie nie bereut. „Ich habe mich hier immer wohlgefügt“, sagt die gelernte Nähmechanikerin. Auf ihren Schränken und Vitrinen stehen Dutzende Engel. „Da habe ich einen gewissen Tick.“
Und die Sicherheit? Das Quartier galt in den 1980er Jahren als problematische Siedlung, in Medien gab es sogar Berichte, dass manche Taxifahrer Kirchdorf-Süd gar nicht mehr ansteuern würden. Renate Pietrzyk schüttelt den Kopf: „Wir hatten hier nie Angst.“
In ihrem Kühlschrank liegt eine Packung Knusperschmalz von einem Obsthof in Jork, erworben bei einer Busfahrt durch das Alte Land. Die SAGA hatte langjährige Mieterinnen und Mieter aus Kirchdorf-Süd zu diesem Ausflug eingeladen. „Das war ein wunderbarer Tag“, sagt Renate Pietrzyk.
Auch Renate und Ernst-Adolf Meyn durften an diesem Tag das sommerliche Wetter im Alten Land genießen, das Ehepaar zählt wie Renate Pietrzyk zu den Erstmietern. Die Meyns wohnen sogar noch höher, eine Treppe führt nach der Fahrstuhlfahrt zu ihrer Wohnung im 13. Stock.
„Die Fahrt zum Domfeuerwerk können wir uns sparen, das sehen wir aus unserem Fenster“, sagt Renate Meyn. Auch wegen dieser grandiosen Aussicht möchten sie nie mehr umziehen: „Nur mit den Füßen zuerst.“
Fototapeten mit der Skyline von New York erinnern an ihre Reisen in die amerikanische Metropole, zweimal waren sie dort. Über ihrer Balkonbrüstung hängt ein Netz als Schutz für Whisky und Soda, die Katzen tollen durch die Wohnung.
Auf dem Marktplatz spielt inzwischen laute Musik aus den Boxen, Kinder springen in der Hüpfburg und rollen eine Kugelbahn herunter. An Ständen gibt es Kaffee und Kuchen. Mittendrin treffen wir Ljudmila Hermoni, Leiterin der SAGA-Geschäftsstelle Wilhelmsburg, und seit fast 20 Jahren mit Kirchdorf-Süd vertraut.
„Ich habe die Siedlung als Quartier kennengelernt, das fast täglich negativ in der Presse stand“, sagt sie. Dies habe allerdings auch einen positiven Effekt gehabt: „Die Stadt erklärte Kirchdorf-Süd zum Sanierungsgebiet.“
Seitdem habe sich so viel zum Positiven verändert. Ljudmila Hermoni erinnert an die Aktion „Kitt und Farbe“ der SAGA. „Wir haben die Häuser frisch gestrichen. So wurden sie für die Autofahrer auf der A1 zu Blickfängen.“ Dazu die neue Gestaltung der Außenbereiche: „Im Prinzip gab es hier fast nur Hochhäuser und Parkflächen. Wir haben in Kooperation mit den Wohnungsgenossenschaften, die hier auch Bestände haben, Grünflächen angelegt, Spielplätze geschaffen, die Wegführung verändert.“
Aber investiert wurde eben nicht nur in Steine, sondern auch in Beine. Der Verein Dolle Deerns hat eine Oase für Mädchen geschaffen, das Jugendzentrum punktet mit Freizeitangeboten, das Sozialkontor bietet Beratung und die Möglichkeit zum Klönen bei einer Tasse Kaffee, Straßensozialarbeiter leisten Hilfe.
Niemand weiß mehr über die Sozialarbeit im Quartier als Barbara Kopf, die vor 31 Jahren das Programm im Freizeithaus des Viertels aufbaute. Und natürlich ist die Soziologin beim Fest dabei, obwohl sie am 1. Juli den Staffelstab an die neue Leiterin Franka Oelmann vom neuen Träger Arbeiter-Samariter-Bund Hamburg (ASB) weitergegeben hat.
Drei Jahrzehnte Kirchdorf-Süd haben Barbara Kopf Kraft gekostet, viel Kraft. Sie musste Pionierarbeit leisten. Eine Entscheidung, sagt die 65-Jährige, habe ihr den Start sehr erleichtert. Sie zog aus Münster gewissermaßen direkt an ihren Arbeitsplatz. In das Hochhaus am Dahlgrünring, in unmittelbarer Nähe zum Freizeithaus: „Damit gehörte ich von Beginn an zum Quartier.“
Mit ihrer Kollegin Tina Timmer organsierte sie Kurse und Tauschmärkte, Musik- und andere Kulturveranstaltungen, schuf Angebote in der Kinder- und Jugendarbeit. Und wagte immer wieder Neues, etwa Jodeln zwischen den Hochhäusern. Zudem gab es im Freizeithaus endlich die Möglichkeit, für kleines Geld Räume für Partys anzumieten. Beeindruckt hat Barbara Kopf stets das Wir-Gefühl des Quartiers: „Die Kirchdorfer bekennen sich zu ihrem Quartier. Manche ziehen nach Jahren wieder zurück.“
Vom Freizeithaus sind es nur ein paar Schritte vorbei an der Stadteilschule Stübenhofer Weg bis zum Kinderbauernhof Kirchdorf. Auf den ersten Blick wirkt die Einrichtung nahe den Hochhäusern so skurril wie ein betagter Tante-Ju-Flieger in einem Science-Fiction Streifen.
Gerd Horn, Schiebermütze, Latzhose, erklärt gerade Kindern, wie man die Ponys auf der Weide richtig füttert. Wada, ein Mädchen aus Altona, feiert ihren fünften Geburtstag. Und Kindergeburtstage sind der große Renner auf dem Kinderbauernhof, inklusive Heubodenspringen, Disco und Spaghetti mit hausgemachter Tomatensoße.
Der „Kibaho“, wie sie ihn in Kirchdorf liebevoll nennen, ist Gerd Horns Lebenswerk. Auf die Idee brachte ihn vor 38 Jahren der ehemalige SAGA-Pressesprecher Ferdinand Gatermann, ihm zu Ehren benannte Horn einen Weg im Kinderbauernhof. Mit engagierten Eltern wollte der Elektromeister einen Ort schaffen, wo die Kinder aus der Hochhaussiedlung bei freiem Eintritt Tiere und Natur hautnah erleben konnten. „Viele hatten vorher noch nie ein Schwein gesehen“, sagt Gerd Horn.
Was treibt ihn mit nunmehr 71 Jahren nach fast vier Jahrzehnten noch immer an, Woche für Woche oft mehr als 60 Stunden für seinen „Kibaho“ zu schuften? „Die Freude der Kinder. Inzwischen besuchen uns Eltern, die schon als kleine Kinder zu uns gekommen sind. Das macht mich stolz“, sagt Gerd Horn. Und längst kennt man den „Kibaho“ weit über die Grenzen Kirchdorfs. Aus der ganzen Metropolregion feiern Kinder hier ihre Geburtstage. Schulklassen bestaunen Schildkröten, Kaninchen, Ponys, Schafe, Ziegen, Meerschweinchen, Kanarienvögel, Papageien und anderes Getier. Sogar eine Schlange (natürlich ungiftig) gehört zum „Kibaho“, die ist allerdings gerade ausgebüxt.
Zu Gerd Horns Team – bis auf einen Tierpfleger arbeiten alle ehrenamtlich oder auf Minijob-Basis – gehört auch Elena Schaefer. Die alleinerziehende Mutter kümmert sich an diesem Tag um 16 Kinder, die eine Übernachtungsparty feiern. „Viele Eltern können sich Urlaube mit ihren Kindern kaum leisten. Mir bedeutet es viel, dass ich ihnen dieses Angebot machen kann.“
Was wird aus Kirchdorf-Süd? Klar ist, dass die Vermieter weiter in die Bestände investieren werden, auch bei der SAGA laufen die Planungen für umfangreiche energetische Modernisierungen.
Das Freizeithaus will unter der neuen Trägerschaft bestehende Angebote aufrechterhalten und die Kooperation mit Schulen, Vereinen und Initiativen ausbauen. Die Räume sollen künftig verstärkt digital gebucht werden können. Ljudmila Hermoni will, dass die Mieterinnen und Mieter von sich aus aktiver werden: „Bislang war es so, dass wir die Bewohnerinnen und Bewohner eher an die Hand genommen haben. Das hat eine gewisse Erwartungshaltung geweckt. Jetzt hoffen wir auf verstärkte Teilhabe.“ Bei diesem Prozess wird die SAGA-Tochtergesellschaft ProQuartier eine wichtige Rolle einnehmen.
Gelingen wird dies alles nur mit engagierten Mitarbeitenden wie Sven Krauth. Der Hausbetreuer hilft auch dem abgehetzten Paketboten, der an diesem Tag mit einer Sackkarre mehr als ein Dutzend Pakete und Päckchen zum Hochhaus am Dahlgrünweg 4 schiebt. „Ich war seit zwei Jahren nicht mehr hier. Kannst Du mir helfen“, fragt er Sven Krauth. Er liest die Namen der Adressaten vor, Sven Krauth nennt ihm, ohne ein einziges Mal auf die Klingelanlage zu schauen, das richtige Stockwerk. Der Bote schreibt mit einem dicken Filzstift die Etagennummern auf die Pakete, bedankt sich und befördert die gewichtige Post durch die von Krauth geöffnete Tür, um sie Stockwerk für Stockwerk auszuliefern.
Der Schriftzug CHANCE auf Sven Krauths Jacke passt im doppelten Sinn. Für Seven Krauth, der nach langer Arbeitslosigkeit wieder einen sinnstiftenden Job gefunden hat und sagt: „Ich bin sehr glücklich hier.“ Und für Kirchdorf Süd.