Osdorf blüht auf
Fußball spielen, Kräfte an der Calisthenics-Anlage messen und Insekten beobachten: Das alles ist jetzt auf der neugestalteten Außenanlage im...
Wer den Balkon von Annedore Drews betritt, wundert sich über die Stille. Die Glinder Au wirkt wie ein Schallschutz gegen den Lärm des tosenden Verkehrs auf der 400 Meter östlich gelegenen A1. Nur drei Stationen mit dem HVV-Bus trennen das Sonnenland vom wuseligen Billstedt-Center. Und doch wirkt das Quartier im Osten der Hansestadt fast abgeschieden.
Als Annedore Drews am 1. November 1966 mit ihrem Mann und dem kleinen Sohn in die Drei-Zimmer-Wohnung einzog, taumelte die Bonner Republik – Kanzler Ludwig Erhard trat zurück. Drei Monate zuvor hatte das berühmteste Gegentor der deutschen Fußballgeschichte bei der 2:4-Niederlage im WM-Finale gegen England im Londoner Wembley-Stadion die Fußballnation bewegt.
Fast sechs Jahrzehnte später sitzt Annedore Drews neben ihrer Hundedame Nelly auf ihrem Sofa im Wohnzimmer ihrer Drei-Zimmer-Wohnung. Ihr Mann ist bereits 2005 gestorben. Im alten Kinderzimmer hat sich gerade für ein paar Wochen der längst erwachsene Enkel einquartiert. Annedore Drews erinnert sich noch genau an das Glücksgefühl bei ihrem Einzug: „Endlich hatten wir eine richtige Heizung und ein Vollbad.“
Den meisten Sonnenländern der ersten Generation ging es so. Viele hatten bei der Flutkatastrophe 1962 alles verloren, andere hausten noch immer mehr schlecht als recht in eilends nach Kriegsende wieder hergerichteten Häusern. Sie alle fanden Heimat in einem Quartier, das auf dem Gelände eines ehemaligen Kalksandsteinwerks zwischen 1960 und 1965 hochgezogen wurde. In drei- bis elfstöckigen Gebäuden mit Flachdächern entstanden mehr als 800 Wohnungen, fast alle gehören inzwischen der SAGA.
„Es gab damals viele kinderreiche Familien im Sonnenland“, sagt Jürgen Wolff. Niemand weiß mehr über die Geschichte des Quartiers als der 69-Jährige. Als Jugendlicher hat er hier gewohnt, miterlebt, wie sich Studenten in Selbstinitiative um Pubertierende kümmerten, die in den 1960er und 1970er Jahren auf Rocker machten, um gegen was auch immer zu rebellieren. In dieser Zeit entstand der Verein Studentische Jugendhilfe, der inzwischen als Stadtteilprojekt Sonnenland firmiert, in dem Wolff nun den Vorsitz führt. Er lebt zwar längst auf St. Pauli, kommt aber dennoch dreimal die Woche in seine alte Heimat.
Mit dem diplomierten Sozialwirt über alte und neue Zeiten zu sprechen, ist an diesem Sonnabend im Juli nicht leicht. Das Sonnenland wird 60 Jahre alt, Grund genug für ein großes Fest mit Musik, Kinderolympiade, Eis, Kaffee und Kuchen. Den Mann mit der Schiebermütze kennen alle hier, Wolff grüßt, umarmt und klönt.
In dem dreistöckigen Containerbau, Herz des Vereins, finden wir dann doch eine ruhige Ecke. „Das Quartier hat sich verändert“, sagt Wolff. Viele Mieter der ersten Generation hätten sich bereits vor dem Einzug gekannt, von der Arbeit im Hafen oder aus den früheren Wohnungen in Moorfleet. „Entsprechend eng war die Nachbarschaft“, sagt Wolff: „Jetzt müssen wir diese aktivieren.“
Was dies in der Praxis bedeutet, sieht man ein paar Steinwürfe entfernt auf dem Bolzplatz des Sonnenlands. Najib Norozian erklärt den Kindern gerade die Regeln des anstehenden Fußballturniers, drei Mannschaften haben sich formiert. „Grätschen ist verboten“, sagt Norozian. Zu gefährlich angesichts des holprigen Platzes. Und noch etwas ist Norozian wichtig: „Wenn ein Gegenspieler sich wehtut, kümmern wir uns sofort.“
Der ausgebildete Erzieher und Gewaltpräventionstrainer, angestellt bei der AWO, betreut seit Jahren im Rahmen des kostenlosen Sportprogramms „move!“ der SAGA auch Kinder und Jugendliche im Sonnenland. Ihm geht es um viel mehr als Fußball: „Wir möchten dazu beitragen, dass Kinder sich mehr bewegen und weniger Zeit am Computer oder Handy verbringen. Bei uns ist jeder herzlich willkommen – unabhängig von Vorerfahrungen oder Herkunft.“ Es geht für Norozian um „einen Ort, an dem die Kinder wachsen, Freundschaften schließen und wichtige Werte fürs Leben lernen.“ Werte wie Verantwortungsbewusstsein, gegenseitige Unterstützung, Teamarbeit und Fairness.
„Najib ist ein Glücksfall für das Sonnenland“, sagt Nicolas Schroeder, Teamleiter bei der SAGA-Tochter ProQuartier. Mit dem Stadtteilprojekt Sonnenland hat ProQuartier das Fest vorbereitet, die SAGA übernahm einen großen Teil der Kosten. Auch Schroeder kennt das Sonnenland gut, seit Jahren nimmt er am Runden Tisch teil, an dem sich Verantwortliche des Bezirksamts, der Grundschule, der AWO und des Stadtteilprojekts regelmäßig austauschen.
Schroeder beeindruckt immer wieder der Zusammenhalt der Sonnenländer. Und die Bereitschaft, sich zu engagieren. Etwa bei Nachbarschaftsfesten, bei Angeboten für Kinder und Jugendliche, bei Kunst- und Kulturprojekten. Zudem sind im Stadtteilprojekt die mehrsprachigen Nachbarschaftseltern Mümmel&Sonnenland aktiv. Sie beraten Mütter und Väter und begleiten sie als Lotsen zu Terminen bei Ärzten und Behörden. Angesichts oft mangelnder Deutschkenntnisse ist der Bedarf groß.
Das Sonnenland zählt zu den Quartieren der Hansestadt mit der vielleicht größten Kluft zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Lebenswirklichkeit. „Fast alle Sonnenländer lieben ihr Quartier“, sagt Janike Obermeit, Leiterin der zuständigen SAGA-Geschäftsstelle Billstedt. Das Sonnenland sei wie ein kleines Dorf. Und zudem im Hamburger Vergleich sehr günstig. In den 22 Gebäuden mit nunmehr 834 Wohnungen liegt die Nettokaltmiete im Schnitt bei 6,31 Euro.
Die preiswerten Mieten und die verkehrsgünstige Lage – vom nahen U-Bahnhof Merkenstraße sind es nur 17 Minuten Fahrt bis zum Jungfernstieg – macht das Viertel gerade für Familien attraktiv. Und da 40 Prozent der Wohnungen drei oder vier Zimmer haben, leben im Sonnenland nach wie vor viele Kinder, entsprechend groß ist die Toleranz, wenn getobt wird.
Das wahre Leben spiegeln die Fotos, die derzeit im Gemeinschaftshaus zu sehen sind. Zu verdanken ist die Ausstellung der Dokumentarfilmerin Dorothea Grießbach, die 2012 im Rahmen einer Forschungsarbeit ins Sonnenland kam – und als Ehrenamtliche und Honorarkraft blieb. Sie leitet Foto-Exkursionen, betreut Videoworkshops in der Medienwerkstatt, organisiert Nachbarschaftsprojekte und den Sonnenlandsalon, der von der SAGA GWG Stiftung Nachbarschaft finanziert wird. Zudem kuratiert sie Bildergalerien in den Treppenhäusern.
Die Fotos zeigen zum einen Feste im Sonnenland, Laternenumzüge und Chorproben. Aber sie dokumentieren auch den gemeinsamen Kampf. Als die renovierungsbedürftige alte Kate, die lange als Gemeinschaftsraum diente, abgerissen wurde, organisierte der Verein Protestaktionen. „Sonnenländer Bürger sagen: Länger können wir’s nicht ertragen. Baut uns endlich ein neues Haus. Sonst flippen Kinder und Eltern aus“, steht auf einem Plakat.
Der Kampf war erfolgreich, das Container-Haus entstand, seitdem treffen sich hier jeden Werktag und oft auch an Wochenenden Kinder und Jugendliche, um zu spielen, Musik zu machen oder Hausaufgaben zu erledigen. Wenn wieder einmal Fördermittel gestrichen wurden, machte der Verein mobil.
Möglich ist dies alles nur, weil sich Menschen wie Najib Norozian, Jürgen Wolff und Dorothea Grießbach so engagieren. Sie sorgen für den Kitt, der das Sonnenland zusammenhält. Und sie kämpfen dafür, dass die Vergangenheit nicht verblasst. An das Schicksal der Zwangsarbeiter, die im NS-Terrorregime im Kalksandsteinwerk ausgebeutet wurden, erinnert eine Lore vor der Schule mit der Inschrift: „Wer sich des Vergangenen nicht erinnert, ist dazu verdammt, es noch einmal zu erleben.“ Wolff ist stolz, dass sich Schülerinnen und Schüler des Sonnenlands so intensiv mit der Historie beschäftigten.
Und die Zukunft? „Unser Quartier steht vor neuen Herausforderungen“, sagt Wolff. Dies gilt auch für die Bausubstanz. Seit Jahren investiert die SAGA Millionenbeträge, um die Gebäude zu modernisieren. Sie errichtete auch einen Neubau mit 32 öffentlich geförderten Wohnungen, der 2023 an die neuen Bewohnerinnen und Bewohner übergeben werden konnte.
Schroeder hofft, dass ProQuartier die Arbeit noch ausbauen kann, über das Rahmenprogramm Integrierte Stadtteilentwicklung (RISE) sollen neue Mittel ins Sonnenland fließen, etwa für einen neuen Bolzplatz. Ohnehin gibt es Planungen für den Neubau eines Community-Centers anstelle des doch immer noch eher provisorischen Containerbaus. Auch das neue Haus, das ist sicher, werden die Sonnenländer „Kate“ nennen. Diese Reminiszenz an das längst abgerissene erste Gemeinschaftshaus wird bleiben.
Die Reise durch das Sonnenland führt am Ende zurück in die Wohnung von Annedore Drews. Sie liegt in einem von drei Gebäuden, die trotz allen Modernisierungsanstrengungen der SAGA nicht zu retten sind. Entstehen werden dort in den nächsten Jahren moderne öffentlich geförderte Neubauten mit Aufzügen und besseren Grundrissen.
Annedore Drews sagt, dass sie eine Nacht nicht geschlafen habe, als sie die Nachricht erfuhr: „Hier ist doch meine Heimat.“ Die Mieterversammlung gab ihr wieder Zuversicht: „Ich weiß jetzt, dass die SAGA sich kümmern wird. Ich werde eine Ersatzwohnung bekommen, die mir gefällt.“ Sie will möglichst in der Nähe bleiben: „Hier ist mein Friseur, mein Arzt. Und ich gehe auch gern zum Kaffeeklatsch für ältere Bewohnerinnen und Bewohner ins Gemeinschaftshaus.“
Janike Obermeit war überrascht, wie viele Sonnenländer bei der Mieterversammlung erklärten, dass sie von ihrem Rückkehrrecht Gebrauch machen möchten, wenn die neuen Häuser erstellt sind: „Das zeigt, wie sehr die Bewohnerinnen und Bewohner ihr Viertel schätzen.“
Einmal Sonnenland, immer Sonnenland.